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14.04.2026 Betriebliches Wohnen wird strategischer Faktor im War for Talent

Der Fachkräftemangel ist längst kein abstraktes Zukunftsproblem mehr – er ist für viele Unternehmen bittere Realität. Besonders in Ballungsräumen scheitert die Mobilität von Talenten immer häufiger nicht am Arbeitsplatz, sondern an der Wohnungssuche. Betriebliches Wohnen rückt damit ins Zentrum der strategischen Unternehmens- und Immobilienentscheidungen.

„Wohnraum entscheidet heute mit, ob ein Jobangebot angenommen wird oder nicht“, sagt Lina Scherer, Präsidentin von CoreNet Global (CNG) Central Europe Chapter. „Für Unternehmen ist das keine soziale Randfrage mehr, sondern ein entscheidender Wettbewerbsfaktor.“

Betriebliches Wohnen: vom Zusatzangebot zum Business-Enabler

Insbesondere für Auszubildende, Berufseinsteiger, Projektmitarbeitende und internationale Fachkräfte ist bezahlbarer Wohnraum oft die größte Eintrittsbarriere in den Arbeitsmarkt. Unternehmen, die hier Lösungen anbieten, sichern sich nicht nur Fachkräfte, sondern erhöhen Bindung, Produktivität und Standortattraktivität.

Ein Beispiel aus der Praxis liefert ABB: In Heidelberg betreibt der Technologiekonzern seit Jahren ein eigenes Ausbildungshaus für Auszubildende. Die Wirkung ist eindeutig: kurze Wege, bezahlbare Mieten und ein starkes Signal der Wertschätzung. Der Versuch, dieses Modell in Berlin-Pankow zu skalieren, scheiterte jedoch an förderrechtlichen Hürden – obwohl Grundstück, Konzept und Bedarf vorhanden waren. Förderrichtlinien, die Erbbaurechte nicht als Eigenkapital anerkennen, verhinderten das Projekt.

„Das ist ein strukturelles Problem“, so Scherer. „Unternehmen sind bereit, Verantwortung zu übernehmen. Aber wir brauchen politische Rahmenbedingungen, die betriebliches Wohnen ermöglichen – nicht blockieren.“

Ein weiteres Beispiel zeigt, dass betriebliches Wohnen nicht zwingend eigenen Wohnungsbau erfordert, sondern auch über Partnerschaften erfolgreich umgesetzt werden kann: Die Deutsche Bahn AG arbeitet mit Wohnungsgesellschaften wie der GVG aus München oder Vonovia zusammen. DB-Beschäftigte profitieren dabei von besonderen Konditionen wie geringeren Kautionen, einem erleichterten Zugang zu Wohnungsbesichtigungen sowie einem Vorrang bei der Vermietung. Gerade in angespannten Wohnungsmärkten schafft dieses Modell schnell wirksame Entlastung – insbesondere für Schicht- und Servicepersonal.

Für pragmatisches, bedarfsorientiertes betriebliches Wohnen steht auch die Roche Diagnostics GmbH. Am Standort Penzberg betreibt das Unternehmen aktuell fünf Boardinghäuser, in denen Auszubildende, Trainees, Expats sowie neue Mitarbeitende für einen Zeitraum von drei Monaten bis zu drei Jahren wohnen können. Die Apartments sind vollständig möbliert und ausgestattet – von Kochgeschirr über Fernseher bis WLAN – und ermöglichen insbesondere in dem angespannten Wohnungsmarkt rund um München einen planbaren und stressfreien Start. Gerade für Auszubildende und Trainees stellen die Boardinghäuser häufig die einzige bezahlbare Wohnoption in Werksnähe dar. Am Standort Mannheim verzichtet Roche bewusst auf ein vergleichbares Angebot, da der lokale Wohnungsmarkt dort entspannter ist. In Penzberg hingegen soll das Modell weiter ausgebaut werden: Aktuell befindet sich das Unternehmen bereits in konkreten Verhandlungen für einen zusätzlichen Baustein, der künftig auch noch kürzere Anmietungszeiträume ermöglichen soll.

Mietrecht, Förderung, Umnutzung: Was jetzt geändert werden muss

Aus Sicht von CoreNet Global Central Europe Chapter sind drei Punkte entscheidend für die Umsetzung von betrieblichem Wohnen:

• Mietrecht praxistauglich gestalten:

Die geplante Beschränkung von Kurzzeitmietverträgen auf sechs Monate behindert betriebliches Wohnen für Projektmitarbeitende, Expats und Probearbeitsverhältnisse massiv. Auch der Möblierungszuschlag muss realistisch abbildbar bleiben – betriebliches Wohnen ist in der Regel möbliert.

• Förderprogramme öffnen:

Die ab Sommer 2026 geplanten zinsverbilligten Darlehen für die Umnutzung von Büro- und Gewerbeflächen in Wohnraum müssen auch für betriebliches Wohnen gelten – schnell, unbürokratisch und ohne künstliche Ausschlüsse.

• Partnerschaftsmodelle stärken:

Unternehmen sollten nicht zu klassischen Wohnungseigentümern werden müssen. Kooperationen mit Wohnungswirtschaft und Kommunen, etwa über Belegungsrechte, bieten flexible Lösungen ohne unnötige Kapitalbindung.

Wissenschaftlich belegt: Betriebliches Wohnen wirkt

Die strategische Bedeutung von betrieblichem Wohnen ist auch wissenschaftlich untermauert. Studien* von Prof. Dr. Andreas Pfnür von der Technischen Universität Darmstadt, zeigen klar: „Betriebliches Wohnen trägt zur Integration von Leben und Arbeiten bei. Das steigert Lebens- und Arbeitszufriedenheit genauso wie die Produktivität der Mitarbeiter. Es stärkt Employer Brand und Produktivität der Unternehmen und bietet auf dem Weg zu ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit große Potenziale.“

Gleichzeitig warnt Pfnür vor ineffizienten Modellen: Große eigene Wohnungsbestände durch Non-Property-Unternehmen binden Kapital und Ressourcen. Erfolgsversprechend sind vielmehr partnerschaftliche Lösungen mit klar definierten Verfügungsrechten.

Fazit: Verantwortung übernehmen – aber richtig

Betriebliches Wohnen ist nach Angaben von CoreNet Global Central Europe Chapter kein nostalgisches Relikt vergangener Werkssiedlungen. Es ist ein modernes Instrument für Employer Branding, Mitarbeiterbindung und soziale Nachhaltigkeit.

„Wir brauchen kein Zurück zu Werkswohnungen“, so Scherer. „Wir brauchen intelligente Modelle, Kooperationen und ein regulatorisches Umfeld, das Unternehmen nicht ausbremst. Wer heute Wohnsicherheit schafft, sichert sich morgen die besten Talente. Die Lehre für die CRE-Community ist also eindeutig: Wir können bauen. Wir wollen bauen. Wir stellen Grundstücke, Kapital und Know-how zur Verfügung. Aber wir brauchen eine Politik, die mit uns – nicht gegen uns – arbeitet. Wer über Fachkräftemangel klagt, aber betriebliches Wohnen im Fördersystem ausschließt, hat das Problem nicht verstanden.“
























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