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01.06.2026 Kleinbruggen: Neues Quartier als Brücke zwischen Stadt und Grün

Fotocredit: © Daniel Ammann
In der Bündner Kantonshauptstadt Chur entsteht mit Kleinbruggen bis 2029 ein lebendiges Quartier mit fast 600 Wohnungen. Das Architekturbüro Ritter Schumacher bebaut von den dreizehn Baufeldern allein fünf – also 40% – und prägt so das neue Stück Stadt entscheidend mit. Unterschiedliche Wohn- und Lebensformen – von Micro Apartments über gemeinnützigen Wohnungsbau, Genossenschafts- und Eigentumswohnungen bis hin zu Service-Wohnungen finden hier zusammen. Ergänzt durch Gewerbeflächen, Gastronomie, Gemeinschaftsräume, Kita, Kindergarten und ein Fitnessstudio entsteht ein Quartier, das soziale Durchmischung und lebendige Nachbarschaft gezielt fördert. An zwei bereits bewohnten Häusern von Ritter Schumacher lässt sich ablesen, wie Architekten Raum für vielerlei Lebensentwürfe gestalten können.

Wegen seiner günstigen Lage im Alpenrhein-Tal blickt Chur auf eine lange Siedlungsgeschichte zurück. Den antiken Siedlungen und Handelswegen folgte die mittelalterliche Altstadt auf dem Schwemmfächer des Rhein-Zuflusses Plessur. Heute hat die Graubündner Kantonshauptstadt knapp 42.000 Einwohner:innen und wächst, wie viele Städte in der Schweiz. Nun entsteht auf einer der letzten zusammenhängenden, 11 Hektar großen Bauzone das Quartier Kleinbruggen mit 580 Wohnungen.

Auf der Grundlage von Investorenwettbewerben ab 2019 vergab die Baurechtnehmerin Kleinbruggen AG die dreizehn Baufelder an je einen Unterbaurechtnehmer. Ritter Schumacher hat bei so vielen Baufeldern den Zuschlag bekommen, weil sie in enger Kooperation mit Investoren überzeugende Konzepte erarbeitet hat. Im Sommer 2020 konnte mit dem Bau begonnen werden. Die Realisierung erfolgt in drei Etappen; die zweite Etappe wurde soeben abgeschlossen, die dritte folgt mit Fertigstellung 2029.

Die Grundidee: Eine aufgefächerte Hand

Das städtebauliche Konzept stammt von den Zürcher Büros office haratori und Lorenz Eugster Landschaftsarchitektur und Städtebau. Nach deren Entwurf greifen die Baukörper wie die fünf Finger einer Hand – oder wie ein Fächer – von der Rheinfelsstraße in den Landschaftsraum des ehemaligen Rheinschwemmgebiets ein. Durch die Aufspreizung zeigt sich zur Straße hin eine Baustruktur mit einem dichten und städtischen Abschluss – gegenüber der Landschaft öffnet sich die Form und verzahnt die Baukörper mit dem angrenzenden Grünraum und Naherholungsgebiet. So gehen dichtes, urbanes Wohnen vom Innenhof über den Garten fließend zum gemeinsamen Landschaftsraum über.

Das gesamte Areal wird als erstes in Graubünden die 30 Nachhaltigkeits-Kriterien des SNBS-Areals (Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz) erfüllen – was eine hohe Qualität für die drei Bereiche Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft sichert. Zu den Kriterien zählen unter anderem, dass Begegnungsräume für soziale Interaktion, sowie durchlässige Grünräume für ein besseres Mikroklima im Außenraum geschaffen werden. Auch Strategien zur Reduktion des Energiebedarfs und nutzungsflexible Grundrisse zählen dazu.

Zwischen Vorschlag und Vorgabe: Von der Interpretation zur Gestaltungsfreiheit

Um bei den vielen beteiligten Akteuren die Kriterien einhalten zu können, braucht es klare Vorgaben, die für alle gelten. So sind z.B. die Gebäude vor allem drei- bis viergeschossig, teilweise bekrönt von ein- bis zweigeschossigen Attiken in Leichtbauweise. An welchen Stellen Attiken vorhanden sind, wie weit diese zurückspringen oder sogar flächenbündig sind, ist vorgegeben. Ebenso die maximale Tiefe der Balkone und ihr Verlauf, wo Loggien erlaubt sind und wo nicht. Ein Farbspektrum mit verwandten Farben und die Vermeidung von starken Kontrasten soll zur Ensemblewirkung und zu einer ruhigen Quartiersstimmung beitragen. Das raumhöhere Sockelgeschoss wird betont, seine Anmutung soll „mural“ sein.

Die entscheidende Gestaltungsfreiheit liegt bei den Grundrissen, und darin, welche Wohnkonzepte man überhaupt ermöglicht. Das wichtigste, über allem stehende Kriterium: Soziale Vielfältigkeit. So existieren Miet- und Eigentumswohnungen in unterschiedlichen Größen, und generationenübergreifendes Wohnen wird aktiv forciert. Die Projekte von Ritter Schumacher reichen von der Miniwohnung für kurze Aufenthalte (Durabel, Baufeld 3.2, fertiggestellt im April 2023) über Service-Wohnungen (Churavita, Baufeld 7.2, Dezember 2025) bis hin zu einem gemeinnützigen Projekt für kostengünstiges Wohnen (Utilita/Caviva, Baufeld 7.1, Dezember 2025). In Planung sind zudem eine Wohngemeinschaft für Jugendliche mit Unterstützungsbedarf (Riri Winterhalter / Stiftung Capriola, Baufeld 1.1, April 2029) sowie flexible Eigentumswohnungen für unterschiedliche Lebensphasen (Wohnoase, Baufeld 2.1, September 2029).

Durabel: Micro Apartments, Miet- und Eigentumswohnungen

Das Projekt „Durabel“ (Baufeld 3.2) gehört zur ersten Etappe und wurde bereits im Jahr 2023 fertiggestellt und bezogen. Neben günstigen Genossenschafts- und Eigentumswohnungen wendet sich ein Großteil des Angebots in diesem Haus an Menschen mit geringem Platzbedarf: Alleinstehende, Studierende, Geschäftsreisende oder Multilokale. Die zunehmende Vereinzelung und Mobilisierung der Gesellschaft legen nahe, dass ein Bedarf an kleinen, schnell und leicht beziehbaren Wohnungen besteht. Dennoch war die Vermarktung in einer eher kleinen Stadt wie Chur ein Wagnis. Die Akzeptanz und Nachfrage bestätigen heute, dass das Konzept aufging.

In rund 50 sogenannten Micro Apartments kann ab 21m² gewohnt werden; die dynamischen Mietpreise richten sich nach der Wohndauer, die schon bei zwei Wochen beginnt. Die Wohnungen sind (teil-)möbliert und mit Einbauschränken und Regalen gut durchdacht und aufgeteilt. Für mehr Gemeinschaftlichkeit sorgen eine große offene Dachterrasse im Attikabereich, die allen Mieter:innen, sowie im Erdgeschoss ein Restaurant und der Waschsalon, der sich im großen Eingangsbereich befindet. Von hier aus verteilen sich die Wege für alle Bewohner:innen des Hauses. Um diesen Raum möglichst offen und großzügig zu halten, fangen V-Stützen das Obergeschoss ab.

Dieses Gebäude zählt zu den kompakten an der Rheinfelsstrasse. Statt des vorgesehenen Innenhofs entschieden Ritter Schumacher Architekten, den Grünbereich in das Volumen weiterzuführen. Dies ermöglicht einen besseren Lichteinfall, mehr Kommunikationsgelegenheiten und eine offenere Wirkung. Die grünen Klinkerriemen im Erdgeschoss, hellere Verputzflächen und dunkelgrüne Geländer strukturieren die Fassade farblich.

Ein kleiner, scheinbar banal wirkender Kniff mit großer Wirkung aufs Budget sind die sogenannten Fertig-Nasszellen. Diese wurden komplett vorgefertigt und als Betonkubus in die Wohnungen eingesetzt.

Caviva: Gemeinnütziges Wohnen

Die „Anlagestiftung für gemeinnützige Immobilien“ Utilita verwaltet Gelder aus den Pensionskassen und investiert das Kapital in kostengünstigen Wohnraum. Gemeinsam mit Ritter Schumacher Architekten hat sie kürzlich das Gebäude „Caviva“ erstellt. Seit Februar 2026 werden hier 55 unterschiedlich große Wohnungen vermietet.

Dieser dreigeschossige Wohnbau mit zwei Attikageschossen liegt an der dichtesten Stelle des Quartiers. Da die vordefinierten Vor- und Rücksprünge zusätzlich unruhig wirken, schwächen die horizontalen Balkonbänder diesen Eindruck ab. Trotzdem schwingt der Balkon selbst regelmäßig an geeigneten Stellen vor, um wiederum nicht allzu monoton zu erscheinen, zu rhythmisieren und den Bewohner:innen die Wiedererkennung zu erleichtern. Die in hellen, warmen Beigetönen gehaltene Fassade wirkt freundlich, und unterschiedliche Putzstrukturen lockern die Fläche zurückhaltend auf. Der Sockel ist ebenfalls mit Klinkerriemchen verkleidet. Der öffentliche Bereich an der Straße mit seinen großen Fenstern wird so betont.

Zu diesem Bereich gehört der Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss, den alle Bewohner:innen des Quartiers nutzen können – und nicht nur das: Die Mieter:innen haben von der Stiftung ein Budget bekommen, mit dem sie selbst gemeinsam den Raum gestalten und einrichten können. Der Raum fügt sich zwischen die beiden Treppenhäuser ein, deren Lage wegen der durchgehenden Tiefgarage vorgegeben war, und wie im Durabel befindet sich die Waschküche an den sich kreuzenden Wegen. Die Treppenhäuser erschließen jeweils vier bis acht der 1,5 bis 4,5 Zimmer-Wohnungen. Die Verkehrsflächen sind insgesamt gering, und die Wohnungen sehr kompakt, was dazu beiträgt, dass sie kostengünstig sind.

Zauberwort Kooperation: Gemeinsame Ziele von Investoren und Architekten

Die gestalterischen und ästhetischen Vorgaben sind bis ins kleinste Detail durchdacht – zum einen als Garantie, dass viele ehrenwerte Vorhaben nicht auf dem Weg verloren gehen, zum anderen, um die atmosphärische Wirkung des städtebaulichen Konzepts als Ensemble zu bewahren. Doch bot sich den Investoren gemeinsam mit den Architekten die Möglichkeit, sich mit konzeptionellen Interpretationen des Wohnungsangebots zu bewerben. Letztlich ziehen hier alle am gleichen Strang mit dem Ziel, Wohnraum zu schaffen, der sozial, wirtschaftlich und ökologisch verträglich ist. Hier zeigt sich auch, dass Qualität und Bezahlbarkeit Hand in Hand gehen können.


























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